Donnerstag, 19. Mai 2016

Daseinsberechtigung von Reviews

Rezensionen sind schon was Feines, oder? Wenn man sich nicht sicher ist, ob man tatsächlich über 60 € für ein neues Spiel ausgeben sollte, dann schaut man eben in die Amazon Bewertungen oder liest sich die Reviews auf Websites von Spielemagazinen und Blogs durch. Alles wird zur aktuellen Zeit rezensiert und unter die Lupe genommen, selbst wenn es nur ein Buch, ein Film, ein Ikea-Regal oder eine Duschbrause ist. Ein paar Klicks später und man hat schon einen Testbericht vorliegen. Selbst wenn man zu dämlich oder zu faul ist, sich die Reviews durchzulesen, kann man immer noch seine Frage in Kommentaren ausformulieren. Bei Amazon ist die Frage: "Ist das den auch auf Deutsch?" schon zu einem Dauerschlager geworden. Vielleicht auch aus dem Grund, weil die Fragen nur ein paar Zentimeter unter der Landes-Angabe und somit der Angabe der Sprachen stehen. Auch wenn es einige Leute erstaunen mag, in Deutschland und in einigen anderen Länder, zugegeben mal mehr mal weniger, gibt es tatsächlich so etwas wie Meinungsfreiheit. Ohne eine politische Diskussion lostreten zu wollen, lasse ich diese Aussage mal so stehen. Aber was passiert eigentlich, wenn ein Autor nach Schottland reist, um einer Verfasserin einer schlechten Rezension eine Flasche Wein über den Kopf zu schlagen? Eine Petition gegen eine negative Kritik an einem neuen Videospiel wird eingereicht… Willkommen in 2016… dem Jahr in dem jeder wegen irgendetwas angepisselt ist…

Nun gut, die Weinflaschen-Geschichte ist schon ein halbes Jahr her. Aber als ich gestern auf Twitter lesen musste, dass tatsächlich eine Petition gegen eine schlechte Kritik bezogen auf das neue Uncharted 4 veranlasst worden ist, sträubten sich mir die Nackenhaare. Erst dachte ich noch, dies wäre ein Scherz. Allerdings sind dieses Jahr schon so viele abstruse News kein Scherz gewesen und auch beim erneuten Nachfragen des großen Weisen namens Google, stellte sich für mich nicht mehr das Was? sondern das Warum?. Fassen wir zusammen: Fans haben eine Petition gestartet, die auch schon von über 8.000 Menschen unterschrieben worden ist, um eine negative Kritik der Zeitung Washington Post aus der Bewertung der Seite Metacritic zu entfernen. Die Argumentation ist teilweise verständlich, andererseits auch ziemlich abstrus. Es ist sogar von einer unangemessenen Kritik die Rede. Doch wann ist Kritik unangemessen? Wenn ich bei einer Beerdigung die Blumenarrangement der Trauernden kritisiere, dann kann man das schon als eine unangemessene Kritik bezeichnen. Aber bei einem Videospiel? Mal abgesehen von der üblichen, oberflächlichen Killerspiel-Debatte?

Eine Bewertung von 4 von möglichen 10 Punkten wurde vom Kritiker der Washington-Post vergeben, dabei liegen die anderen Bewertungen alle bei 8 oder mehr Punkten. Ist das schon unpassend? Meiner Meinung nach - Nein! Nur weil die Mehrheit sich für eine hohe Punktzahl entscheidet und das Spiel in den Himmel lobt, muss das nicht jeder machen. Ich finde es eher gut, wenn sich jemand auch kritisch äußern kann. Zudem sollte man im Hinterkopf behalten, dass jedem etwas anderes gefällt. Jeder kennt wohl das Phänomen, dass die komplette Community ein Spiel super findet, aber man selbst so überhaupt nicht davon begeistert war. Von vielen Spielern wurde Far Cry - Blood Dragon absolut favorisiert, während ich bei einer Bewertung wie oben beschrieben, mit meiner Großzügigkeit gerade noch 2 Punkte vergeben kann. Ich liebe Far Cry, aber Blood Dragon war für mich ein Griff ins Klo. Damit kommen wir auch zum nächsten Punkt.

Muss man ein Fan von etwas sein, um es rezensieren zu können? Der Autor der Rezension der Washington Post mit dem Namen Michael Thomson schrieb, dass er kein Fan der Uncharted Reihe wäre. Heißt das, er darf deswegen seine Meinung nicht äußern? Meiner Meinung nach - Nein! Ich bin kein großer Fan der Barbie und typischen Mädchen-Spiele. Aber ich darf sagen, dass ich es unverschämt finde, für das meist sehr begrenzte Gameplay den Eltern über 30 € aus der Tasche zu ziehen, nur weil ein süßer Welpe drauf ist. Es gibt Spielreihen die ich nicht so gut finde und es gibt welche, die ich schon fast vergöttere und über beide darf ich soviel schreiben wie ich möchte. Dies darf jeder tun. Irgendwann sollte man sich allerdings die Frage stellen, ob es den Aufwand und die Energie noch wert ist, eine Reihe zu spielen, die man wahrscheinlich immer negativ bewerten wird. Aber das bleibt jedem selbst überlassen.

Eine große Zeitung wie die Washington Post soll sich nicht verhalten wie ein zwölfjähriges Kind. Cool, damit habe ich den Freifahrtschein mit meinem kleinen Blog mich zu verhalten wie ein bockiges Kind - bin ja schließlich keine offizielle Zeitung. Mal davon abgesehen, das ich im Alter von 12 Jahren zwar schon World of Warcraft entdeckt hatte, aber die größte Zeit nur Pferde-Spiele zelebriert habe und ihr bestimmt nicht die ganze Abenteuer auf dem Reiterhof-Reihe rezensiert haben wollt, ist da ein ziemlich dämlicher Begründung. Nur weil man meckert ist man ein Kind? Die wenigen Auszüge, die ich von der Rezension noch zu lesen bekommen habe, denn der Text wurde zu meinem Bedauern entfernt, klangen für mich nicht sehr kindlich. Wenn man Beschreibungen wie "unfertiges Wrack" oder nicht gelungener Abschluss" hört, dann ist das erst mal eine normale, wenn auch kritische Meinung. Viele Fans baten um Professionalität und Respekt gegenüber dem Spiel. Da stellt sich mir wieder eine Frage: Ab wann ist man professionell? Obwohl mir schon gesagt wurde, dass mein Geschreibsel sich sehr professionell anhören würde und ich mich natürlich sehr darüber gefreut habe und sogar sehr geschmeichelt war, würde ich mich nicht als professionell bezeichnen. Ein Angestellter der Gamestar, der schon Jahre in der Gaming-Branche ist und weiß wo der Hase lang läuft, der ist für mich professionell. Dürfen deswegen alle Anderen keine Bewertungen oder Rezensionen schreiben? Darf jemand, der zum ersten Mal ein Spiel in der Hand hat, seine Meinung kundtun? Meiner Meinung nach - Ja! Vielleicht hat er dann keine Möglichkeit zum Vergleich und einige Wörter und Umschreibungen fehlen, aber trotzdem kann jeder sagen, was ihm daran gefallen und was gestört hat.

Wie bei jeder Kommunikation gilt auch hier: Der Ton macht die Musik! Das bedeutet für mich Respekt. Es sind zwei verschiedene Dinge ob ich schreibe: "Das Spiel ist der letzte Mist und die Entwickler sollten in der Hölle schmoren!" oder "Meine Erwartungen würde leider nicht erfüllt und ich habe das Gefühl, dass sich mit diesem Spiel nicht viel Mühe gegeben worden ist." . Schreibt eure Meinung, aber bitte keine Beleidigungen und bleibt oberhalb der Gürtellinie. Bedenkt an einem Spiel saßen Leute, die eventuell sehr viel Herzblut und Mühe investiert haben.

Autoren der Forbes erinnerten daran, was für einen schädlichen Einfluss eine negative Bewertung für ein Spiel in dieser Industrie haben kann und das ein Game wegen einer unpopulären Meinung nicht an den Pranger gestellt werden sollte. Ich schreie "Juhu" wenn Rezensionen tatsächlich eine solche Macht hätten, allerdings scheint das nicht so sehr der Realität zu entsprechen, sonst wäre schließlich die grauenhafte DLC-Politik schon abgeschafft worden. Seien wir ehrlich, verkauft wird ja trotzdem wie blöde. Bei einer durchweg positiven Meinung von einem Spiel in der Fachpresse werden ja bekanntlich auch immer wieder Stimmen laut, die behaupten, Bewertungen und Rezensionen werden doch sowieso gekauft und manipuliert. Ich will niemanden etwas unterstellen, aber warum haut dann eine einzelne negative Meinung so sehr in die andere Richtung, dass sie verboten gehört? Das Verlangen von einer Entfernung dieser Rezension fühlt sich bei mir wie eine Zensur an, die es leider in dieser Branche beim Medium höchstselbst schon oft genug gibt. Warum ist diese eine negative Meinung so wichtig? Ist ja laut Forbes nur die Meinung einer Einzelperson. Wenn sie nicht wichtig ist, warum muss sie dann gelöscht werden? Mal ehrlich, ist es schonmal vorgekommen, dass jemand aufgrund eines Metascores  gesagt hat: "Mensch, bei so einer schlechten Bewertung kaufe ich mir das Spiel nicht, auf das ich mich schon Monate freue"? - Wohl kaum.

Seit den letzten Jahren hat eine regelrechte Kultur an Fanboys und Fangirls zugenommen, die sich nicht nur mit dem angebeteten Medium/Gegenstand/Firma identifizieren, sondern sie auch bis zum Tod verteidigen. Playstation vs. XBox… Apple vs. Windows… Battlefield vs. Call of Duty… Marvel vs. DC… und es kann noch ewig so weitergehen. Meine beste Freundin mag Alan Wake nicht, weil ihr das Spiel zu düster und an einigen Stellen zu hektisch war. Ich mag Alan Wake, kann ihre Argumentation aber verstehen und selbst wenn nicht, akzeptiere ich ihre Meinung, da sie begründet ist. Bin ich deswegen beleidigt? - Nein! Ich hab das Spiel nicht entwickelt, also warum sollte ich beleidigt sein? Jemand sagt zu mir: Alle Gamer sind unrasiert und stinken. Bin ich beleidigt? Mal abgesehen davon, dass ich kein Bartwuchs habe und immer nach Stachelbeeren und Flieder dufte. - Eventuell, denn das greift mich persönlich mehr an, als eine negative Kritik eines Spiels. Zumal es hier an der Argumentation mangelt. Nur weil jemand eins meiner Lieblingsspiele kritisiert, beleidigt er mich doch nicht persönlich. Beruhigt euch alle mal ein bisschen und kommt runter von den hohen Rössern. Lasst diese Engstirnigkeit hinter euch und bitte unterlasst die Todesdrohungen, sobald jemand etwas Kritisches sagt.

Hinter jedem Bildschirm sitzt ein Wesen mit Gefühlen, Gedanken und einer Meinung. Vergesst das nicht und seid zumindest höflich. Ihr musst auch keinem in den Hintern kriechen...

Kommentare:

  1. Einer der vielen Gründe, warum es mir manchmal schwer fällt, mich als Gamer zu bezeichnen. Der Anteil an intoleranten Vollidioten in "unseren Reihen" scheint immer weiter zu steigen und eine ernste Auseinandersetzung mit dem eigenen Hobby sowie unpopuläre Meinungen werden schnell per Shitstorm im Keim erstickt. Dabei machen es die ach so ehrlichen Spieler selbst ja auch nicht besser als die "Fachpresse", wenn man sich die teils grauenhaften Steam-Reviews mal anschaut. Abgesehen davon verkauft sich Uncharted 4 sowieso hervorragend, ob nun mit oder ohne negative Wertungen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die Umschreibung "Intolerante Vollidioten" gefällt mir sehr gut und ist dermaßen passend. Shitstorms waren an sich mal eine ganz gute Sache, aber mittlerweile habe ich da so meine Zweifel, da diese Stürme immer abstruser und unangemessener werden. Ich stimme dir bezüglich der Steam-Reviews vollkommen zu. Manchmal hat man kleine Schmuckstücke dabei die einem zum Schmunzeln bringen können, aber bei den meisten Kommentaren schüttelt man nur noch mit dem Kopf.

      Löschen
  2. Kritik ist wichtig, auf jeden Fall. Und von Bestwertungen oder großen Reviews sollte man sich heute sowieso nicht mehr wirklich beeindrucken lassen. Denn jedes Magazin vergibt für große AAA Titel Bestwertungen, auffällig gute Wertungen.

    Kritik ist doch wichtig, in jeder Branche. Sie zeigt doch lediglich, wo man ausbauen, etwas verbessern kann. Es zeigt auch, dass Leute den Inhalt als so wichtig erachten, dass sie sich die Mühe machen, Fehler zu benennen, statt es zu ignorieren.

    Und natürlich muss man kein Fan sein, um über etwas zu urteilen. Man muss sich lediglich mit dme Thema auseinandersetzen und die eigene Meinung sinnhaft belegen – Genau das ist die Kunst.

    Und Professionalität ist schwierig, weil man dafür extrem objektiv sein muss – Was wiederum einschränkt. Das klingt komisch, bemerke ich selbst aber auch schon, obwohl ich nur um Studium damit zu tun habe. Hinzu kommen Geldgeber und Verträge, Auflagen von Publishern und so weiter.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ein neuer Name auf meinen Blog! Ich begrüße dich herzlich, JohannVonTi!

      Du sprichst ein sehr wichtigen Punkt an. Man muss das Medium als wichtig erachten, wenn man sich die Zeit nimmt Kritik zu üben. Leider vergessen dies sehr viele, wenn sie schon mit Schaum vor dem Mund alle Kritik niedermähen wollen. Die eigene Meinung sinnhaft bzw. sinnvoll belegen können mittlerweile nur noch wenige, obwohl das Diskutieren und das Argumentieren eigentlich immer wichtiger werden sollte.

      Objektivität und Professionalität sollten definitiv nahe beieinander liegen, obwohl wie du schon schriebst, diese einen sehr einschränken können. 100% objektiv kann wahrscheinlich keiner sein, aber vielleicht macht diese kleine Prise Subjektivität das ganze aus. Habe auf deinem Blog schon gesehen, dass du Kommunikations- und Medienwissenschaften studierst. Habe gar nicht an die Geldgeber, Verträge und Auflagen gedacht. Allerdings finde ich, dass diese Sachen grundlegend eine Rezension nicht in ihrer Wertung beeinflussen dürfen. Natürlich sitzen da auch nur Menschen und wenn ein Publisher sehr nett und zuvorkommend ist, verstehe ich, wenn bei kleinen Fehlern ein Auge zugedrückt wird und bei patzigen Publishern, vielleicht sogar mehr hingeschaut wird. Aber grundlegend darf dies eine Bewertung nicht beeinträchtigen. Das sieht wahrscheinlich in der Realität anders aus.

      Löschen
  3. Finde das auch schwer nachvollziehbar. Ich meine ein Review ist ja eh von Grund auf etwas sehr subjektives. Natürlich kann man versuchen, ein Spiel möglichst objektiv zu betrachten. Ändert aber nichts daran, dass das Ding letztlich nur ein Mensch geschrieben hat. Ein Mensch hat eben gewisse Vorlieben, Abneigungen, etc. Zudem hat jeder einen anderen Weg hinter sich. Der eine fährt total auf Retro ab, ein anderer schüttelt da nur den Kopf. Egal wie objektiv jemand versucht zu sein - letztlich ist es doch mehr oder weniger subjektiv.

    Aber ich sehe da kein Problem. Es gibt soooo viele Review - gerade zu einem Uncharted 4. Wenn ich ein Review nicht mag, dann suche ich mir weitere und sehe, was da dann so gesagt wird. Mit der Zeit ergibt sich so ein Bild. Manchmal merkt man, dass oft technische Macken angekreidet werden, manchmal liest man in fast jedem Review von einer guten Story ... also wird auch etwas dran sein. Ich weiß nicht, warum man sich so sehr auf einen Test versteifen muss. Dann hat eben jemand ein paar Punkte weniger gegeben - na und? Es hat halt seinen Nerv nicht getroffen. Ich finde es eh schwierig, sich nur aufgrund einer Meinung ein Urteil über ein Produkt zu bilden, eben weil jeder die Dinge auf seine Art betrachtet.

    Bei Steam wird´s dann ja ganz extrem. Die einen schimpfen wie die Rohrspatzen über ein Spiel, die anderen loben es bis in den Himmel. Die Wahrheit findet man oft irgendwo dazwischen. Aber warum sollte ich mich von einer positiven oder negativen Meinung gleich beeinflussen lassen und mir nicht weitere Sichtweisen ansehen?

    Aber Gamer scheinen im Umgang wirklich schwieriger geworden zu sein. Man findet immer mehr Extreme, der Umgangston ist ziemlich rau geworden und Rücksicht wird immer seltener. In Online-Spielen merkt man es sehr gut. Eine Begrüßung gibt´s kaum, aber wehe es läuft Mal nicht - dann bekommen viele ihren Mund plötzlich weit auf. Derzeit verbringe ich viel Zeit mit Battleborn und was ich da teilweise erlebe, gefällt mir gar nicht.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe beim Lesen deines Kommentars so heftig zustimmend genickt, dass mein Kopf fast abfällt. Ich denke, du sprichst uns allen aus der Seele!

      Oh, Battleborn… Neue Gruselgeschichten aus dem PvP-Bereich?

      Löschen
    2. Oh da hätte ich wieder einiges zu berichten, ja. :D

      Einen Teil hab ich ja schon in einem Beitrag ( Solo im Koop) thematisiert. *g* So langsam läuft´s bei mir wieder mit den Artikeln, auch wenn da noch Luft nach oben ist. Wurde aber auch Zeit.

      Löschen
    3. Oh, da schau ich mal gleich rein! ^-^

      Manchmal stockt es mit den Artikel, weil es an Zeit und Lust fehlt. Das kennt man ja. Habe aber eigentlich immer das gefühl, dass bei dir auf dem Blog immer sehr viel los und alles aktuell ist. Bist sogar manchmal schneller als so manch andere Newsletter. :)

      Löschen

Teilt mir gerne eure Gedanken, Meinungen und Eindrücke mit! Ich freue mich darüber!